3. Herbstlehrgang mit Deben Graupner (3. Dan AIS)

in Grömitz 

 

Samstag, der 17.10.2009 - Kleider machen Leute?

 

Bei meinen ersten Lehrgängen kam es mir noch übertrieben vor, schon eine halbe Stunde vor Beginn da zu sein. Vor allem, wenn wie hier die Formalitäten wie Passabgabe und Bezahlung der Lehrgangsgebühr schon im Vorfeld erledigt waren. Aber mittlerweile freue ich mich darauf, vor dem Umziehen Bekannte, die man nur auf Lehrgängen trifft, zu begrüßen und ein paar Worte mit ihnen wechseln zu können.

Ich war also schon recht früh in die Gildehalle und sehr überrascht, wie viele der Teilnehmer bereits eingetroffen waren.

Während ich mich so durch die vielen Grüppchen bewegte und allen Hallo sagte, kam ich auch zu unserem Trainer Thomas, der gerade in ein Gespräch vertieft war. Als ich seinem Gesprächspartner die Hand reichte, kam mir dessen Gesicht sofort sehr bekannt vor und ich wusste auch direkt, dass es unter der Rubrik „freundlicher und sympathischer Mensch“ abgespeichert war. Noch während ich darüber nachdachte, welchen Lehrgang ich diesem Gesicht zuordnen konnte, erkannte ich die Stimme. Ich war dermaßen perplex, dass mir auch noch rausrutschte: „Ach, Deben! Ich hatte dich erst gar nicht erkannt.“ 

Dass mir Thomas oder Bernd ohne ihren Hakama immer als falsch oder unvollständig bekleidet vorkommen, daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Aber seit dieser kurzen Begebenheit geht mir immer wieder die Frage im Kopf herum: Liegt es nur an diesem Kleidungsstück, oder verändert sich durch das Anlegen des Hakamas auch die Persönlichkeit bzw. der Ausdruck des Menschen?

Als wir dann kurz drauf alle umgezogen waren und Deben Graupner uns auf der Matte begrüßte, war meine Welt wieder in Ordnung. So gekleidet würde ich Deben immer und überall sofort erkennen! Und das nicht nur aufgrund der blauen Farbe seines Hakamas.

 

An diesem Tag übten wir Shiho Nagen und Kokyu Nagen mit und ohne Jo. Deben zeigte und erklärte noch mal ausführlich den Umgang mit Jo und Bokken, wodurch mir erstmalig der Muskelkater in Schultern und Armen nach so einem Lehrgang erspart blieb. Er hielt uns an, die Waffe vor und aus dem Zentrum zu führen und erklärte durch den Vergleich eine Technik mit und ohne Waffe zu führen, wie wichtig die Arbeit mit Waffen sei, um Zentrumsarbeit zu erlernen. Deswegen trainieren in seinem Verein von Anfang an alle auch mit Waffen, selbst die Kinder.

Bei allen Techniken ermahnte Deben uns, darauf zu achten den Kontakt zum Uke nicht zu verlieren. Das erläuterte er anhand witziger, bildhafter Parallelen aus dem Computer­bereich und sein stetes Motto lautete: Online bleiben, nie die connection zum Partner abbrechen lassen!

 

Da die Pause während des Lehrgangs viel zu kurz für eine ausgiebige Schlacht am Buffet gewesen war (mein Kaffee hatte es nicht einmal geschafft eine trinkbare Temperatur zu erreichen), kam ich halb verhungert zum gemeinsamen Abendessen im Gosch Hotel an. Hier war nun Zentrumsarbeit ganz anderer Art angesagt. Das Essen war so gut und reichlich, dass ich weit mehr gegessen habe, als Hunger vorhanden war. Nun, dadurch wusste ich zumindest für diesen Abend sehr genau, wo sich mein Zentrum befindet.

Es wurde recht spät, bis sich die lustige Runde auflöste und auch zu Hause war zu­nächst an Schlaf noch nicht zu denken, so aufgedreht, wie ich war. Als ich dann doch irgendwann eingeschlafen war, habe ich weitergeträumt vom Aikido und von der netten Gruppe, die sich beim Lehr­gang zusammengefunden hatte.

 

 

Sonntag, der 18.10.2009

 

Ich packe meinen Koffer und packe ein:

Einen Stoß, ein Dach, einen Stoß, ein Dach, einen Schlag, noch einen Schlag, Drehung

um 180 Grad ....

Ja genau, die 31er Jo Kata! Das war unser Thema des Sonntags.

Deben zerlegte sie in Einzelteile und brachte sie uns häppchenweise bei. Dann wurden die gelernten Abschnitte zusammengefügt und die nächste Sequenz geübt, bis wir endlich und glücklich bei der 31 ankamen.

Solange Deben die Kata mitmachte und man mit einem halben Auge schauen konnte, ob man noch richtig lag, war es nicht ganz so schwierig. Aber wenn er uns zuschaute, war man gut dran, wenn vor einem jemand stand, der diese Kata nicht zum ersten Mal machte. Als Hilfestellung gab Deben uns: Zählt mit! Egal, in welcher Sprache, aber zählt! Und das half enorm, denn nach kürzester Zeit wusste man, welche Zahlen Schwierigkeiten bedeuten und an welchen Stellen die Rettungsinseln liegen, bei denen man in Zweifelsfall wieder einsteigen konnte. Trotzdem kam es zu einer netten Begebenheit: Deben zählte laut an und war irgendwo bei Mitte/Ende zwanzig angelangt, da ertönte von irgendwo vorne rechts: „Ich bin schon fertig!“

 

Als wir dann die 31er Jo Kata (mehr oder weniger) durchbuchstabieren konnten, begann Deben uns zu zeigen, wie diese Kata mit einem Partner ausgeführt wird.

Die verbleibende Zeit reichte allerdings nicht mehr aus, die komplette Kata zu lernen. Hier kam ja nun zu dem leicht veränderten Katapart auch noch die Rolle des An­grei­fers hinzu. Meine Partnerin und ich arbeiteten uns ernsthaft aber mit viel Humor stetig vorwärts, immer bemüht uns gegenseitig weiterzuhelfen. Deben konnte ja schließlich nicht an allen Stellen gleichzeitig sein. Wo sich gemeinsame Erinnerungs­lücken auftaten, erwies es sich als sehr nützlich noch mal bei den Nach­barn zu spicken. Dabei schauten wir einmal so intensiv und erwartungsvoll zu, dass die irritierte Frage kam: „Ist was? Stimmt was nicht?“ Nein! Exakt an der Stelle, die wir noch mal genau anschauen wollten, hatten sie ab­ge­brochen.

Also alles noch mal von vorne, aber dieses Mal gemeinsam und anschließend klappte zumindest der Ablauf.

 

Dann war auch dieser Lehrgang zu Ende, leider! Es heißt zwar man solle aufhören, wenn es am Schönsten sei, aber ich bin davon überzeugt, es wäre noch steigerungs­fähig gewesen. Ein weiterer gemeinsamer Tag hätte uns bestimmt noch viel gebracht, denn Fragen formulieren zu können oder Details als wichtig zu erkennen dauert manchmal seine Zeit. Auch innerhalb der Gruppe konnte ich keine Ermüdungs­erscheinungen erkennen. Im Gegenteil, der Umgang miteinander wurden immer offener, vertrauter.

 

In seinen abschließenden Worten gab uns Deben eine Hausaufgabe für das nächste Jahr: die 31er Jo Kata zu üben. Er selbst hätte sie früher auch im Wald für sich allein geübt: „Die armen Bäume“, wie er scherzhaft meinte.

Nun, die guten Vorsätze sind vorhanden, ich hoffe Deben wird an dem Ergebnis im nächsten Herbst anknüpfen können, wenn er wieder zu uns kommt.

 

An alle Beteiligte, vor allem an Deben Graupner und Thomas Clausen:

 

Vielen Dank für dieses schöne Wochenende.

 

Anne Strack