Deben Graupner (3. Dan AIS)

Herbstlehrgang

18. - 19. Oktober 2008

 

Es ist tatsächlich schon fast ein Jahr vergangen, seit uns Deben nach seinem ersten Lehrgang in Grömitz versprach, in diesem Herbst wieder zu kommen. Wir haben uns - zu Recht - sehr darauf gefreut. Die 43 Aikidoka die zum Lehrgang gekommen waren, füllten unsere zur Verfügung stehende Mattenfläche komplett aus. Wären nun noch all jene aus unserer Sparte dabei gewesen, die momentan wegen der Herbstferien in Urlaub sind, .... es wäre sehr „kontaktreich“ geworden. ;)

 

Das Thema: ki musubi

 

Für diejenigen, denen es bei diesem Begriff so ergeht wie mir (nämlich ein großes ? ), möchte ich vorweg eine Erklärung einfügen, die ich auf der Internetseite von Ufa-Aikido in Berlin fand, denn sie fasst einige Teile von dem, was Deben uns beschrieb sehr schön zusammen:

 

musu(bu): "binden", "vereinen", "festlegen", "befestigen"
Jedes mal wenn zwei Menschen sich begegnen, gehen sie eine Verbindung ein. So auch im Aikido, wenn uke und nage aufeinandertreffen und ihre Rollen definieren. Ob man davon spricht, die Ki-Flüsse zu vereinen, die Kraftlinien zusammen zu bringen, die Intentionen oder Bewegungen in Einklang zu bringen, in jedem Fall muß ein Zusammenspiel hergestellt werden, so daß aus der einzelnen Bewegung - ukes Angriff - eine gemeinsame Bewegung von uke und nage wird. Erst durch diese Verbindung kann nage dem Gegner die Stabilität nehmen und seine Bewegung kontrollieren.

 

Nun aber zurück zu Debens Worten:

Beim Aikido geht es wie in keiner anderen Kampfsportart darum, den Kontakt zum Angreifer aufzunehmen. Ohne awaze (zum Gegenüber in Kontakt treten) ist ki musubi unmöglich.

Begegnet man einem Menschen, mit dem man einen Konflikt vermeiden möchte, ist es sicher nicht das schlechteste Mittel ihm einfach aus dem Weg zu gehen, in dem man beispielsweise die Straßenseite wechselt (hier also kein Kontakt).

In einer anderen Situation wäre eine Konfliktlösung über ein Gespräch (= Kontakt) vielleicht angebrachter und anschließend geht man zusammen ein Bier trinken. (Nett fand ich den Zusatz: Dies ist sicherlich auch „Aikido“ im Sinne des Begründers).

Kommt es aber zum Kontakt im Sinne einer tätlichen Angriffs, soll Nage diesen nicht als Wettkampf betrachten und als solchen beenden. Sprich: Ich antworte jetzt auf diesen Angriff mit einem brachial angewendeten kote mawashi und habe gewonnen! Nicht das Gewinnen, sondern das Beenden der Auseinandersetzung ist das Ziel und dies mit angemessenen/angepassten Mitteln.

 

Was uns dazu am ersten Lehrgangstag erwartete, war sehr spannend, weswegen ich versuchen möchte, dies in etwas ausführlicherer Form zu beschreiben.

Unsere erste Aufgabe als Partnerübung lautete: Wir sollten in Zeitlupe ausgeführten Schlagangriffen auszuweichen, bei denen man aber weder die Füße versetzen, noch die Arme benutzen durfte. Danach setzte Deben noch eine Schwierigkeit drauf: Nage musste die Augen schließen und versuchen auszuweichen, ohne (!) zu wissen welcher Schlag, wann kommt. „Na, das kann ja heiter werden“, dachte ich und erwartete für jeden Schlag einen Treffer. Das Ergebnis war äußerst interessant, denn überraschenderweise war die Trefferquote sehr niedrig! Ich muss dazu ergänzen: Es ging hier nur darum, möglichst viele Drehbewegungen aus der Hüfte beim Ausweichen einzusetzen, natürlich ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Es war unwichtig, ob man dabei getroffen wurde und die „Treffer“ waren nur leichte Berührungen. Die Schläge wurden selbstverständlich sehr langsam und weich ausgeführt. Trotzdem war es ein komisches Gefühl sich vorzustellen: Jetzt setzt mein Partner vielleicht einen shomen uchi an und mitten in der Ausweichbewegung kommt der Gedanke: Oder ist es doch ein von rechts kommender jokomen uchi? Besser auch noch den Kopf einziehen! Für einen Außenstehenden hätte es sicher sehr merkwürdig ausgesehen, wie wir uns dabei (ähnlich wie Drücktiere) gebogen und gewunden haben. (Sollte jemand die Bezeichnung Drücktier nicht kennen: Googeln und wenn es dann noch nicht klar wird, dies hier nachstellen. Es ist ein Erlebnis! )

Bei den folgenden Übungen durften wir dann nach und nach wieder die Augen, einen Fuß, zwei Finger einer Hand und zum Schluss unseren gesamten Körper beim Ausweichen einsetzen. Es war eine regelrechte Erlösung, als uns die vollständige Bewegungsfreiheit zurückgegeben worden war. Aber jetzt musste ich mich sehr beherrschen, nicht wieder zu den gewohnten Ausweichbewegungen zurückzukehren. Es galt immer noch: übt langsam, weicht dem Schlag nur aus aber nicht davor zurück (im Sinne von Weglaufen). Es macht nichts, wenn mal ein Schlag trifft.

Deben baute diese Übungen weiter aus, bis sie am Ende zum Randori mit einem Angreifer wurden. Er erklärte uns: Das Randori sei eine der anspruchsvollsten Übesituationen die es im Aikido gibt. Im Randori macht es keinen Sinn, eine vorher festgelegte Reihenfolge von Techniken abzuspulen, bzw. sich schon vor dem Angriff eine Technik auszusuchen, die man verwenden will. Der Körper sagt einem, was man tun muss. Einstudierte, festgelegte Formen (Techniken) engen dabei ein.

Kurz gesagt habe ich Deben so verstanden: improvisiert!

Die Fortgeschrittenen setzten im Randori den Jo mit ein, während die anderen beim Angriff die Auswahl zwischen shomen uchi, jokomen uchi, shomen tsuki und ryote tori bekamen.

 

Für die meisten Teilnehmer endete der erste Lehrgangstag mit einem gemütlichen Essen im Restaurant. Wie sich herausstellte: Gemeinsam ein Bier trinken gehen, kann auch ohne vorausgegangenen Konflikt sehr förderlich für die zwischenmenschlichen Beziehungen sein!

 

 

 

Am nächsten Morgen erklärte uns Deben:

Ki musubi kann nur mithilfe eines stabilen Gleichgewichts/ Zentrum entstehen und dessen Ausbildung wird durch das Training mit Waffen sehr gefördert. Während die Jugendlichen und Erwachsenen Schritt für Schritt die 13er- Jo Kata durchgingen, lernten die Jüngsten auf der Kindermatte die 6er- Jo Kata. Man spürte deutlich: Hier war Deben voll in seinem Element. Nachdem wir die Kata zunächst allein, dann gegen einen und zuletzt gegen drei Angreifer durchgespielt hatten, war die Zeit schon um.

Zum Abschluss des Lehrgangs führte uns Deben vor, wie diese Kata auch gegen 4 Angreifer ausgeführt werden kann. Nach meinen vorhergegangenen Bemühungen konnte ich nur staunen, wie elegant und fließend die Bewegungen bei ihm aussahen.

 

Als ich gerade noch mal den Bericht von Debens letztem Besuch bei uns las, stelle ich erstaunt fest: Es war genau wie im letzten Jahr ein sehr lockerer und zugleich sehr anspruchsvoller Lehrgang, bei dem Deben aber geschickt Rücksicht auf die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Teilnehmer nahm. Andere haben daher aus diesem Lehrgang bestimmt auch andere Inhalte mitgenommen. Jedes Detail in einem Bericht festzuhalten ist schlichtweg unmöglich und ich bitte um Verzeihung, wenn ich wesentliche Teile ausgelassen habe. Oder wie mein Mann es formulierte: lass mich doch mal lesen, ob wir beim gleichen Lehrgang gewesen sind. Im nächsten Herbst wird Deben Graupner wieder nach Grömitz kommen. Ich bin schon sehr neugierig darauf, welche neuen Erkenntnisse mich dort erwarten und freue mich auf das Wiedersehn.

Vielen dank Deben!

 

Anne Strack