Ich fang noch mal von
vorne an!
- Die Aufgabe des Uke im Aikido -
Landeslehrgang in Malente mit Werner Notheis vom 24. bis 26.11.2007
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Ich würde nie behaupten, dass ich eine Aikidotechnik „kann“. Im Laufe von 12 Jahren Aikido und als 2. Dan kennt man natürlich eine breite Palette an Techniken, aber „können“? Das Training bei Werner hat mir (und anderen) gezeigt, dass der „Teufel im Detail“ steckt, oder besser gesagt in der Grundschule. Sabaki – mal anders, Shihonage – mal etwas anders erklärt, aber höchst wirksam, egal mit welchem Partner. Das war nach meinem Geschmack. Werner begeisterte die zahlreich erschienen Aikidoka aus ganz Norddeutschland mit seiner Basisarbeit. Seine ruhige Art, die wenigen aber treffenden Worte, die er zur Erklärung der grundlegenden Wirkfaktoren der Technik einsetzte, kamen mächtig gut an. Wir probierten die Bewegungsangebote gerne aus, so dass der Meister mit uns zufrieden war. Schwerpunkt des Lehrgangs war „Angriffsverhalten“. Aikido ist kein Tänzchen, geht es doch letztlich um die Abwehr der Bedrohung, die vom Angreifer ausgeht. Das stellt besondere Anforderungen an Uke und Nage. Beim Üben miteinander kommt dem Uke vor allem die wichtige Aufgabe zu, ständig zu agieren und zu reagieren und nicht passiv zu bleiben oder sich unrealistisch zu verhalten. Unrealistisch wäre es z.B., dem Nage eine Körperseite ungeschützt zuzuwenden (Selbstschutz des Angreifers). Hier wird Nage im Ernstfall ein Atemi setzen und sollte dies im Training auch leicht andeuten, um dem Partner beim Lernen zu helfen. Das Atemi schließlich wird auch die Blockade oder den Stillstand des Uke wieder lösen, ihn wieder in Bewegung bringen. Allein sehr kraftvoll oder hart anzugreifen, erfüllt das Realitätsziel weniger, auf das Wechselspiel mit Nage kommt es an. Ein zu fester Griff bzw. eine Verkrampfung beim Angreifen wie ein blockierendes „Armstrecken“ beim Udeosae ist letztlich für mich als Uke gefährlicher, als wenn ich beweglich und aufmerksam bleibe. In Bezug auf den Nage zeigte uns Werner, dass die sichere Führung des Uke vom Beginn des ersten Kontaktes an letztlich die Technik darstellt. Der Wurf bildet lediglich den Abschluss, nicht den „spektakulären“ Höhepunkt, der im Zweifelsfall viel zu viel Energie / Kraft verbraucht, wenn man auf einen Showeffekt aus ist. Wichtig ist, die Balance des Angreifers so früh wie möglich zu brechen und zwar möglichst mit einer energiesparenden „Ganzkörperführung“, keinesfalls mit einseitiger Muskelkraft. Wie funktioniert nun die Gleichgewichtsbrechung? Aus der Stellung der horizontalen Hüft-/Körperachsen (Verbindungslinie der Füße) kann Nage – mit geschultem Blick – schnell die schwachen (offenen) Seiten des Uke erkennen. Je mehr der Druck in Richtung der stabilen Linie des Uke gerichtet ist, desto schwieriger ist dieser zu werfen. Zu Ukes Balancebrechung muss Nage quer zu dieser Linie führen. Dies kann eine Bewegung durch Uke hindurch in Richtung seines Rückens (nach innen mit den inneren Bein) oder exzentrisch aus seiner Mitte heraus in Richtung seiner offenen, vorderen Seite (mit den äußeren Bein) sein. So gibt es beim Udeosae z.B. genau diese beiden Wege.
In der dynamischen Aktion-Reaktion zwischen
Uke und Nage verändern sich die horizontalen Achsen ständig und auch
schnell. Stellung und Reaktion des Uke bestimmen die Richtung, in die
die Balance brechende Bewegung des Nage führen soll. Dies verändert sich
ständig, so dass sich die Schrittfolge des Nage auch im
Wiederholungsfall verändern kann oder muss. Wir übten ausführlich Sabaki „spezial“, bei dem durch eine abschließende Rückwärtsbewegung der Körpermitte Uke „auf Zug“ und somit labil gehalten wird. Der mitgebrachte Schwung lässt sich wunderbar umlenken. Spannend war auch der Dreiecksgrundschritt, der als Bauteil in allen Techniken anzuwenden ist. Mir hat diese Basisarbeit sehr gefallen. Ein langjähriger Schüler von Werner sagte mir denn auch im Gespräch: „Wenn ich eine Technik mache und irgendetwas nicht funktioniert, dann überlege ich, welche Elemente der Grundschule drin stecken und arbeite diese heraus. Das Ergebnis: Die Technik funktioniert dann.“ Grundschule, so Werner, ist nur Grundschule, wenn sie mit jedem funktioniert: ob groß, klein, dick, dünn, stark, schwach etc. Als wir uns dem Studium der Grundschule auf dem Lehrgang zuwandten und einige Elemente bewusst übten, um sie dann in die Techniken einzubauen, hatte ich ganz stark das Gefühl: „Ich fange noch mal von vorne an.“ So war es doch am Anfang auch, als man noch jeden Schritt und jede Bewegung bewusst gemacht hat. Nur funktionierten die von Werner gezeigten Bewegungen auch wirklich gleich, wenn man sie denn richtig machte. Letztlich zeigt sich nicht nur im Aikido, sondern im gesamten Bereich des Budo, dass die Techniken die Synthese z.T. Jahrhunderte lang erprobter und im Kampf auch funktionierender Prinzipien sind. Werner ist es gelungen, sehr anschaulich zu vermitteln, wie eine präzise, gegensatzfreie (= harmonische) Führung eines sich realistisch verhaltenden Partners zu einem realitätsbezogenen und sehr wirksamen Aikido führt. Wir alle, die wir Werner, der nicht nur eine ganz besondere Ausstrahlung, sondern auch etwas zu vermitteln hat, erlebt haben, sind froh, zufrieden und um einiges reicher nach Hause gefahren.
Frauke Drewitz mit Beiträgen von Ulrich Schümann
Hier ist auch noch ein Lehrgangsbericht von Andreas Kalbitz!
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| Fotos: Ulrich Schümann | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||